Expertensicht – Blasenersatz

Viele Betroffene stellen sich die Frage: „Wie wirkt sich Blasenersatz auf meine Lebensqualität aus?“ Prof. Dr. med. Jürgen E. Gschwend, Direktor der Urologischen Klinik und Poliklinik des Universitätsklinikums rechts der Isar, fasst seine langjährigen Erfahrungen bei der Betreuung von Blasenkrebs-Patienten zusammen.

Blasenersatz – (k)ein Wendepunkt

Bei der Therapie des muskelinvasiven Harnblasenkrebses ist die Entfernung der Harnblase die Standardbehandlung. Ist eine sogenannte radikale Zystektomie notwendig, stellt sich zwangsläufig auch die Frage nach einem passenden Blasenersatz. Prof. Dr. med. Jürgen E. Gschwend schildert seine Erfahrungen aus der Praxis.

Herr Professor Gschwend, welche Möglichkeiten gibt es, die Blase zu ersetzen? Könnten Sie uns kurz einen Überblick über die Formen der kontinenten Harnableitung geben?

  • Bei den Formen der trockenen oder kontinenten Harnableitung steht der orthotope (am „richtigen“ Ort befindliche) Harnblasenersatz an erster Stelle. Statt der ursprünglichen Harnblase wird aus Darmsegmenten eine neue Blase (Neoblase) gebildet. Damit können die Patienten ihre Neoblase auf natürlichem Weg entleeren. Die Neoblase ist sowohl für Frauen als auch Männer geeignet. Allerdings muss ungefähr bei einem Drittel der Frauen die neue Blase mit einem Katheter entleert werden. Eine deutlich seltener durchgeführte Operationsmethode ist der sogenannte Nabel-Pouch. Er eignet sich für Patienten, bei denen die Harnröhre nicht erhalten werden kann oder bei denen die Harnröhre nicht mehr funktionstüchtig ist. Ein solcher Nabel-Pouch muss lebenslang regelmäßig alle drei bis vier Stunden über einen Katheter entleert werden.

 

Was ist der Unterschied zu den nassen Harnableitungen?

  • Eine große Gruppe von Patienten, die für eine kontinente Harnableitung nicht geeignet ist, erhält im Allgemeinen ein sogenanntes Urostoma, einen künstlichen Blasenausgang. Der Klassiker ist hier das Ileum-Conduit. Dabei wird ein kurzes Darmsegment in die Bauchwand eingepflanzt. Daran werden am inneren Ende die Harnleiter angeschlossen, sodass der Urin problemlos über ein geschlossenes Beutelsystem an der Bauchwand aufgefangen werden kann.

Gibt es bestimmte Methoden, die besonders häufig angewandt werden und für wen eignet sich welche?

  • Weltweit die häufigste Art der Harnableitung ist nach wie vor das Ileum-Conduit, weil viele ältere und pflegebedürftige Patienten nicht für einen orthotopen Blasenersatz mit einer Neoblase geeignet sind. Für die jüngeren und fitteren Patienten ist dagegen der orthotope Neoblasenersatz der Goldstandard. Die Pouch-Chirurgie wird heute eher bei ausgewählten Patienten durchgeführt, die weder ein Urostoma wollen noch für eine Neoblase geeignet sind.

Was sollten Patienten bei der Wahl eines Blasenersatzes beachten?

  • Die entscheidende Frage lautet: Ist der Patient bereit, mit seiner neuen Blase zu arbeiten, bis die Funktionen wieder vollständig gegeben sind? Bei einer Neoblase etwa muss der Patient Geduld mitbringen und die Kontinenz mittels Beckenbodentraining wieder erlernen. Beim Pouch muss dagegen das Katheterisieren erlernt werden und er muss dann auch regelmäßig entleert werden. Gelegentlich kann sich hier der Katheterisierungsmechanismus verengen, was operativ behoben werden muss. Eine einfache Lösung bietet hier das Urostoma mit einem Ileum-Conduit. Damit ist zwar verbunden, dass man regelmäßig die Platte und den Beutel wechselt, die das Stoma abdecken. Ansonsten muss man aber weder viel üben noch viele Handgriffe bewerkstelligen.

Wie kann man den richtigen Spezialisten oder die richtige Klinik finden?

  • Kliniken, die viel Erfahrung mit der Harnableitung haben, haben sicher die besseren Ergebnisse und es treten weniger postoperative Komplikationen auf. Die Zystektomie ist klassischerweise eine Zentrumschirurgie. Deshalb sollte man sich mit einem Spezialisten aus einem größeren Zentrum zu einem Beratungsgespräch zusammensetzen. Das kann auch ein Zweitmeinungsgespräch sein.

Einen geeigneten Spezialisten kann auch der behandelnde niedergelassene Urologe empfehlen, alternativ kann man sich über die Fachgesellschaft der Urologen oder das Internet informieren.

Viele Patienten beschäftigt die Angst vor Inkontinenz – was sind Ihre Erfahrungen?

  • Wenn man die Patienten sorgsam auswählt, die für eine Neoblase geeignet sind, ist die Angst unbegründet. So kann man bei jüngeren Patienten ohne körperliche Einschränkungen und schwere Nebenerkrankungen davon ausgehen, dass sie tagsüber keinen Urinverlust haben werden. Vorausgesetzt, die Harnblase wird so entfernt, dass der Kontinenzmechanismus vollständig funktionstüchtig ist. Allerdings ist es in vielen Fällen notwendig, dass man in der Nacht aufsteht und die Blase geplant entleert. Bei manchen Patienten ist das jedoch auch nicht erforderlich, da es hier individuell große Unterschiede gibt. Im Allgemeinen kommen die Patienten nach drei bis sechs Monaten mit einem Neoblasenersatz sehr gut zurecht.