Fatigue bei Blasenkrebs

Sich kraftlos, müde und ausgelaugt zu fühlen – das ist nach einer stressigen Arbeitswoche oder einer anstrengenden Sporteinheit nichts Ungewöhnliches. Normalerweise hilft es, sich einfach auszuruhen, um neue Energie zu tanken. Doch was, wenn das Bedürfnis nach Ruhe nicht abnimmt? Wenn die Konzentrationsstörungen bleiben und jeder Schritt zu viel erscheint? Dann könnte dies ein Anzeichen von Fatigue sein, die sich von gewöhnlicher Erschöpfung unterscheidet und bei fast jedem Krebspatienten auftritt.

PD Dr. Jens-Ulrich Rüffer, Onkologe und Vorsitzender der Deutschen Fatigue Gesellschaft, beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema „Fatigue“ im folgenden Interview.

Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Fatigue“?

Fatigue bedeutet nichts anderes als Erschöpfung. In der Medizin ist sie ein wichtiger Anhaltspunkt bei der Suche nach Erkrankungen und deren Ursachen. Beispielsweise können Nieren- oder Herzerkrankungen zu Fatigue führen. Die Erschöpfung, mit der sich die Deutsche Fatigue-Gesellschaft beschäftigt, ist die tumorbedingte Erschöpfung. Sie tritt während und nach einer Krebserkrankung auf. Davon abzugrenzen ist das Chronic-Fatigue-Syndrom (CFS), bei dem keine Tumorerkrankung vorliegt.

Welche Ursachen können Fatigue auslösen?

Fatigue ist ein Phänomen, das nicht einfach zu erklären und für Patienten sehr belastend ist. Um die Frage nach den Ursachen zu klären, gibt es verschiedenste Untersuchungen und Ansätze: von Muskelbiopsien bis hin zu verhaltenstherapeutischen Aspekten. Noch gibt es allerdings keine bahnbrechendenden Erkenntnisse. Allerdings wächst mittlerweile das Verständnis dafür, dass Fatigue im Zusammenhang mit verschiedenen Erkrankungen steht und unterschiedliche Ursachen haben kann.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es bei Fatigue?

Für Fatigue gibt es bis jetzt noch keine zugelassene medikamentöse Therapie. Neben einer optimalen Lebensführung, wie gesunde Ernährung, Stressmanagement und einer positiven Einstellung, kann eine moderate Bewegungstherapie Wirkung zeigen: Darunter versteht man ein normales körperliches Training. Die allgemeine Bewegungsempfehlung bei Krebserkrankungen lautet: täglich morgens und abends eine halbe Stunde Aktivität. Daran können sich auch Blasenkrebspatienten orientieren. Je nachdem, welche Therapie sie erhalten, können Patienten jedoch eingeschränkt sein. Deshalb ist es wichtig, Rücksprache mit dem behandelnden Arzt zu halten und entsprechend der individuellen körperlichen Voraussetzungen trainieren.

Als Training eignen sich verschiedene Aktivitäten: Für den einen ist es Spazierengehen, für den anderen Radfahren, Laufen oder Schwimmen. Wichtig sind Regelmäßigkeit und Kontinuität. Außerdem sollte man nicht zu intensiv trainieren. Das heißt: Nicht außer Atem geraten und nach dem Sport für zehn Minuten außer Gefecht gesetzt sein, sondern sich so bewegen, dass man jederzeit weitermachen kann. Eine weitere Säule bei der Behandlung von Fatigue stellt die psychoonkologische Betreuung dar.

Wie kann ein Psychoonkologe bei der Behandlung von Fatigue helfen?

Eine psychoonkologische Unterstützung ist bei Fatigue sehr wichtig. Wenn eine Erkrankung wie Blasenkrebs extrem psychisch belastet und Ängste, Probleme und Sorgen auslöst, kann sich diese Belastung auch in Erschöpfung äußern. Da kann eine psychoonkologische Beratung durchaus entlasten. Sie hilft, die Probleme für sich zu sortieren und einen Umgang mit der Erschöpfung zu finden. Dadurch reduziert sich auch die Fatigue.

Was raten Sie Fatigue-Betroffenen im Umgang mit der Erkrankung?

Als Erstes gilt es, sich mit der Erschöpfung zu beschäftigen und diese nicht zu verdrängen. Betroffene sollten sich eingestehen: „Ja, ich bin erschöpft, ich fühle mich körperlich, geistig und seelisch anders als vor der Erkrankung und dem möchte ich mich stellen. Die Fatigue beeinflusst meine Lebensqualität und es geht mir nicht gut.“ Auch wenn die Krebserkrankung eine Erklärung für die Beschwerden sein kann, sollte man sich fragen, was einen genau belastet und wie man mit der Fatigue umgehen kann. Bei körperlicher Erschöpfung hilft es, Bewegung in den Alltag zu integrieren. Das kann die Belastung reduzieren und die Lebensqualität steigern.

Welche Tipps können Sie Angehörigen von Fatigue-Betroffenen mit auf den Weg geben? Wie können sie dazu beitragen, die Situation besser zu bewältigen?

In erster Linie ist es wichtig, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen, um ein Verständnis dafür zu entwickeln und Rücksicht zu zeigen. Außerdem sind die Betroffenen gefragt, möglichst frühzeitig mit Familie und Freunden über die Fatigue zu sprechen. Es hilft anzusprechen, dass man nicht mehr so funktioniert wie vorher. Nur dann können diese die Situation nachvollziehen und ihre Erwartungshaltung ändern. Auch Informationen fördern das Verstehen: Zum Beispiel können Betroffene Informationsbroschüren weitergeben oder sich gemeinsam mit nahestehenden Personen den Aufklärungsfilm der Deutschen Krebshilfe ansehen.